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Gluten als Bösewicht? Vom Pauschalverbot zur individuellen Kostgestaltung

67851903 - Bread Crossbones © iodrakon

Nach den Anti-Pilz-Diäten der 1980er- und der Diskussion um die Rolle oral aufgenommenen Histamins Ende der 1990er-Jahre ist das Thema Gluten seit etwa 15 Jahren ein Dauerbrenner in gastroenterologischen Medien und in der Laienpresse. Die Fachwelt muss sich damit auseinandersetzen – leider nicht, um für die hohe Dunkelziffer der Zöliakie zu sensibilisieren, sondern weil sich ein neues Krankheitsbild Nicht-Zöliakie-Gluten-Sensitivität/Nicht-Zöliakie-Weizen-Sensitivität (NCGS/NCWS) etablieren will.

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These I: Die Prävalenz der NCGS/NCWS nimmt zu

Die Befürworter der Glutensensitivität formulieren, dass es zwar noch keine vollständige Klarheit bezüglich der symptomauslösenden Substanz(en) des Syndroms gibt, seine Häufigkeit jedoch zunimmt. Die steigende Prävalenz wird mit dem höheren Konsum glutenhaltiger Nahrungsmittel begründet. So sei bei einem Glutenverzehr von zehn bis zwanzig Gramm pro Tag in Europa auch mit einer Zunahme der Reaktionen auf Gluten zu rechnen.

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Fazit I: Die Prävalenz der NCWS ist unklar.

Mangels eindeutiger Diagnose­ und Pathomechanismen sind valide Aussagen zur Prävalenz von Glutensensitivität oder NCWS derzeit nicht zu treffen. Unbestritten ist, dass der Konsum glutenfreier Produkte zunimmt. Die Gründe dafür sind vielschichtig.

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These II: Glutensensitivität oder NCGS/ NCWS sind eine eigene Entität. Diese lässt sich von anderen glutenbedingten Krankheitsbildern abgrenzen

Im Rahmen einer – von einer Herstellerfirma glutenfreier Nahrungsmittel initiierten und finanzierten – Konferenz wurde der Begriff „Non Coeliac Gluten Sensitivity“ (NCGS = Nicht­Zöliakie­Glutensensitivität) geprägt. Sapone et al. (2012) publizierten diesen Terminus erstmals in einer Übersichtsarbeit und stellten die NCGS als eigenständiges Krankheitsbild dar, das von den autoimmunbedingten Erkrankungen und den allergischen
Reaktionen auf Weizen abzugrenzen sei. Viele nachfolgende Veröffentlichungen übernahmen das vermeintlich neue Krankheitsbild trotz fehlender Evidenz. Andere Studien betonen Parallelen zum Reizdarmsyndrom (RDS), wobei sie – meist resümierend – auf den Missstand der fehlenden pathophysiologischen Parameter verweisen und weitere Studien zur Sicherung und Abgrenzung der Diagnose vor Initiierung einer glutenfreien Kost anmahnen (Sainsbury 2012; Eswaran 2013).

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Fazit II: Es liegen keine ausreichenden Beweise vor, dass Glutensensitivität oder NCGS/NCWS eine eigenständige Entität bilden.

Nach derzeitigem Wissenstand ist aufgrund fehlender pathologischer Muster nicht von einer eigenständigen Entität auszugehen. Es liegen weder gesicherte Ursachen noch valide diagnostische Parameter vor. Die Symptome dieses Beschwerdebildes sind zudem nicht eindeutig zu fassen. Eine klare Dosis­ Wirkungsbeziehung zwischen Gluten­ oder Weizenaufnahme zu den Beschwerden sowie ein nachvollziehbarer pathologischer Mechanismus fehlen.

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These III: Es gibt einen Diagnosealgorithmus zur Sicherung von Glutensensitivität und NCGS/NCWS

Allen Publikationen zu Glutensensitivität oder NCGS/NCWS ist gemein, dass sie derzeit kein klares pathologisches Korrelat definieren (können) (Felber 2014; Sainsbury 2013). Insofern bleiben klare Vorgaben zur Diagnosesicherung oder für einen Diagnosealgorithmus zur Sicherung der Diagnose zweifelhaft.

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Fazit III: Der Diagnoseweg zur Sicherung von Glutensensitivität oder NCGS/NCWS ist unklar.

In Ermangelung klarer pathologischer Korrelate gibt es derzeit keinen validen Algorithmus zur Diagnosestellung. Vorhandene Beobachtungen bleiben diffus und unklar in der Aussage.

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These IV: Gluten ist der Verursacher vielfältiger Symptome bei Glutensensitivität oder NCGS/NCWS.

Die heute schon nicht mehr verwendete Begrifflichkeit „Glutensensitivität“ beschreibt einen Symptomkomplex, der durch den Verzehr glutenhaltiger Lebensmittel ausgelöst werden soll und aufgrund seiner Symptombreite der Zöliakie nahestehen könnte (Biesiekierski 2014).

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Fazit IV: Gluten ist nicht alleiniger Auslöser reizdarmähnlicher Beschwerden.

Gluten gilt neueren randomisierten Studien zufolge nicht mehr als Hauptverursacher von Glutensensitivität oder NCGS/NCWS, da weder Diagnosemarker noch Verlaufsparameter vorliegen. Begleitende Ernährungsinterventionen (auch eine Glutenreduktion) wurden bisher nicht untersucht. Es ist daher nicht zu verantworten, eine glutenfreie Kost als alleinige Therapieoption vorzugeben.

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Empfehlungen für die Praxis

Viele Betroffene nehmen Essen als Bedrohung wahr. Sie kombinieren funktionelle Beschwerden mit bestimmten Inhaltsstoffen. Oft haben sie den Blick für auf sie zugeschnittene Essmuster und dazu passende Nahrungsmittel verloren. In dieser Situation kann die Ansage „lieber glutenfrei“ helfen; dauerhaft zielführend ist sie jedoch nicht. Das zeigen auch die Erfahrungen mit mittels IgG­Antikörperbestimmung diagnostizierten Patienten. Durch Weglassen von Grundnahrungsmitteln oder regelmäßig verzehrten Lebensmitteln lassen sich häufig kurzfristige Symptomverbesserungen erzielen. Daraus ist jedoch kein kausaler Zusammenhang zu auftretenden Beschwerden abzuleiten! Ärzte und Ernährungstherapeuten sollten hier kritisch hinterfragen und ihre Empfehlungen auf valideren Begründungen aufbauen. Die Publikationen zu
FODMAPs haben die Komplexität des Themas bereits aufgezeigt: Nicht ein einzelner Inhaltsstoff eines Nahrungsmittels, sondern deren Zusammenwirken muss als Ursache multipler gastrointestinaler (und ggf. extraintestinaler) Beschwerden gelten.

Hauptaufgabe praktisch tätiger Ernährungstherapeuten mit diesem Patientenklientel ist und bleibt daher, sowohl Lebensmittelauswahl und Mahlzeitenzusammenstellung als auch Ernährungsmuster zu besprechen und diese Faktoren auf Symptome, physiologische Bedürfnisse des Körpers sowie den individuellen Lebensstil abzustimmen. Dabei sind lebensmitteltechnologische Aspekte mit zu bedenken. Hilfreich ist es, das Grundwissen der Patienten um die Physiologie der Verdauung sowie die Wirkung der Nahrung auf den Gastrointestinaltrakt zu schärfen. In Zeiten des Überflusses und der schwer durchschaubaren Lebensmittelherstellung muss der Patient lernen, Grenzen zu setzen und eine für ihn geeignete Auswahl an Lebensmitteln zu treffen.

Die Diagnose pathologischer Muster bleibt Aufgabe der Ärzte. Solange aber kein direkter Auslöser klar zu benennen ist, ist eine Restriktion im Sinne einer glutenfreien Kost nicht zu verantworten. Eine individuelle Kostplanung, die sich an den Beschwerden des Patienten orientiert, sollte in jedem Fall Vorrang vor Pauschalverboten haben.

Vollständiger Artikel zum DOWNLOAD: pdf Eif 2015 11 12 gluten ernaehrung kostgestaltung (244 KB)

Autoren: Christiane Schäfer · Steffen Theobald www.aid.de

 

 


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